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Zwischen Eis, Feuer und Freundschaft

Drei Wochen Bikepacking durch Island

Wer ist Katharina Kruse?

Sie ist 28 Jahre alt, kommt aus Hannover und lebt direkt an den Deister-Trails, die sie ihr Zuhause nennt. Nach ihrem Studium in Visueller Kommunikation, das sie 2023 abgeschlossen hat, stieg Katharina bei FIDLOCK ins Team ein – und jongliert seitdem zwischen Beruf und ihrer großen Leidenschaft fürs Biken. 2019 und 2020 war sie noch in Rennen aktiv, doch heute bedeutet Radfahren für sie weit mehr als die reine Jagd nach Sekunden:
„Radfahren ist für mich mittlerweile viel mehr als nur Rennen gegen die Uhr. Es heißt, meine Heimat neu zu entdecken, Länder und Kulturen zu erleben, der Natur nah zu sein, Menschen mit inspirierenden Geschichten zu treffen – und am Ende auch mich selbst besser zu verstehen.“ Diesen Sommer hat sie gemeinsam mit ihrer Freundin Miri ein Bikepacking-Abenteuer in Island gestartet. Was folgte, war eine Reise, die nicht nur ihre Ausdauer, sondern auch ihre Freundschaft auf die Probe stellte.

Drei Wochen, zwei Räder, ein Plan: Island durchqueren

Der Plan war anspruchsvoll – 1.500 Kilometer, 15.000 Höhenmeter, zweimal vier Tage ohne Einkaufsmöglichkeiten oder Wasserquellen. Dehydrierte Nahrung, Wasserfilter, Zelt. Was uns erwartete: karge Highlands, heiße Quellen, raue Schotterpisten. Was wir nicht erwartet hatten: Krankheit, Trennung – und dass genau das unsere Freundschaft herausfordern würde. 

Es fing am Freitagabend in Norddeutschland an.

Miri steht mit rotem Kopf und Taschentüchern in meiner Küche.

„Alles halb so wild“, sagt sie. Wir beide wissen, dass das nicht stimmt. Nach Monaten der Vorbereitung will niemand, dass eine Erkältung alles durchkreuzt. Seit 2017 verbindet uns die Leidenschaft zum Mountainbiken – und das unausgesprochene Verständnis, das man nur mit wenigen Menschen hat. 2023 – einige Verletzungen später – sind wir zum ersten Mal zusammen auf Bikepacking-Reise aufgebrochen. Ein Ritual welches wir jährlich beibehalten haben. 

Als wir in Island landen, ist Miri gesundheitlich am Tiefpunkt. Wir schlafen in einem stickigen Flughafenhotel, müssen entscheiden, was keiner sagen will: Sie bleibt – ich fahre los. Zum ersten Mal allein auf Bikepacking-Tour.

Drei Tage Einsamkeit. Grober Schotter, lange Schiebepassagen, Zeltübernachtungen mit Schafen als einzige Gesellschaft. Ich kämpfe mit mir selbst – und mit dem Gedanken, dass unser gemeinsames Abenteuer vielleicht vorbei ist, bevor es richtig beginnt. 

Dann: Wiedersehen.

Wir waren wieder zu zweit und erst jetzt fühlte es sich wirklich so an, als hätte die Reise begonnen.

Fünf Tage fahren wir gemeinsam – bis ich krank werde. Fieber, Erschöpfung. Wieder Trennung. Wieder Umplanen. Unsere ursprünglich geplante Route war ambitioniert – aber Island hatte andere Pläne.

Also zieht Miri allein los und erkundet den rauen Norden Islands fernab vom Massentourismus. Endlose Straßen und viel Gegenwind. Weitere fünf Tage vergehen bis wir endlich in die letzte Woche gemeinsam aufbrechen, den Druck spürend, die verlorene gemeinsame Zeit aufzuholen. 

Zwischen Tränen, Eis und Vulkanschotter

Am Ende wurde aus der geplanten großen Schleife ein Mosaik aus Möglichkeiten. Wir kämpften uns durch menschenleere Weiten, über Lavafelder, durch Flüsse. Fuhren am Ende doch mehr Ringstraße als geplant, um Kilometer aufzuholen. Es gab Tage, an denen nichts funktionierte – und andere, die alles wettmachten. Wir sahen Papageientaucher am Meer und streichelten Islandpferdefohlen. Beides nicht ganz ohne eine Träne zu verdrücken. Nur die Schafe blieben leider auf Abstand. In Landmannalaugar saßen wir nachts zwischen bunten Bergen in heißen Quellen. Wir standen vor Eisschollen am Diamond Beach und spürten, wie die Erde bebte, als 150 Kilometer entfernt, südwestlich von Reykjavik ein Vulkan ausbrach. Island zeigte sich von seiner rausten Seite – und gleichzeitig von seiner zärtlichsten. 

Wir lebten von Trockennahrung, Brot, Käse, Tomaten, Schokolade und Tee. Die Wasserfilter blieben unbenutzt. Dafür lernten wir, uns täglich neu aufeinander einzustellen. Krankheiten, verlorenes Equipment, technische Ausfälle – Island ging nicht nur ans Material, sondern auch an die Nerven. Als beide Akkus von Miris Schaltung leer waren und das Ladekabel fehlte, fanden wir über isländische Kontakte die einzige Viererladebox im Land. Versand an eine Poststation – 1,5 Tage mit nur einem Gang. Teuer, aber lösbar. Wie fast alles stellten wir während unserer Reise fest. 

Nicht perfekt, aber echt

Wir haben unser Kilometerziel nicht erreicht. Aber wir haben etwas anderes geschafft: einander auszuhalten in Momenten der Unsicherheit. Die Route anzupassen, wenn der Körper nicht mehr mitspielt. Ehrlich zu kommunizieren, was geht – und was nicht. 

Island war nicht unser härtestes physisches Abenteuer. Aber es war emotional fordernd. Unvorhersehbar. Echt. Und genau deshalb besonders. 

Was bleibt?

Nicht die perfekte Route. Nicht die Höhenmeter. Sondern das Lachen im Zelt. Die Stille, wenn Worte nicht genug waren. Das Innehalten, weil man nicht glauben kann, was man sieht. Das Heulen des Windes in menschenleerer Weite. Die Entscheidung, weiterzumachen – obwohl nichts nach Plan läuft. 

Unsere Geschichte ist ein ehrlicher Blick auf das, was passiert, wenn man losfährt mit einem Plan – und unterwegs etwas viel Wertvolleres findet: Vertrauen in sich selbst und ineinander. Und die Gewissheit, dass man gemeinsam weiterkommt.

Auch, wenn’s mal nur mit einem Gang geht. 

Text von: Katharina Kruse
Fotos von: Björn Reschabek

Joanna